Heute findet im Bundeskanzleramt zum soundsovielten Mal ein Integrationsgipfel statt, was immer das genau zu bedeuten hat. Interessanter als die leeren Worthülsen, die mediengerecht in eine Abschlusserklräung verpackt werden, sind aber immer die Tage vorher. Da wird heftig diskutiert, was denn die Bundesrepublik, die deutsche Gesellschaft, ja das post- nationalsozialistische Deutschland als Ganzes schon wieder alles Falsch gemacht hat im Umgang mit den täglich aufs neue diskriminierten und sowieso auf der Verliererstraße befindlichen Migranten. So ist heute in der Süddeutschen ein Kommentar erschienen, der hier zerlegt werden wird wie ein frischer Fisch.
Zu aller erst: Das es überhaupt zu einem Integrationsgipfel kommt, ist als großzügige, ja barmherzige Geste der Deutschen zu verstehen. In keinem anderen Land der Welt, das sich - wie es Deutschland angeblich auch ist - als Zuwanderungsland versteht, wäre denkbar, über das Zusammenleben von Deutschen und Auch-Irgendwie-Deutschen (Ausländer darf man ja nicht mehr sagen) zu verhandeln. Die SZ erinnert denn auch daran, was bei einem der Integrationsgipfel festgehalten wurde:
Integration kann nicht verordnet werden.
Stimmmt. Deutschland ist kein klassisches Zuwanderungsland wie Kanada, Australien und früher auch die Vereinigten Staaten. In Deutschland gibt es eine über Jahrhunderte gewachsene Kultur, Sprache und Religion. Wer daran Zweifel hat, dem sei die momentan laufende und sehr gute ZDF- Dokumentation "Die Deutschen" ans Herz gelegt. Und selbst wenn Deutschland, wie uns die Linke seit 1998 klar machen will, ein Zuwanderungland ist: In Zuwanderungsländern hat sich über viele, viele Jahre hinweg eine Art Schmelztiegel der Kulturen und daraus eine ganz eigene Kultur herausgebildet, wie etwa der American Way of Life. So ist es in jedem Zuwanderungsland ist es daher eine Selbstverständlichkeit, dass sich die, die "hinzukommen" in irgendeiner Form dem anpassen, was dort gelebt wird und nicht anders herum, wie es dieser Tage etwa Herr Barfuß mit der teilweisen Einführung der Scharia in Bayern gefordert hat.
Doch die SZ versteht den oben genannten Satz etwas anders. Im weiteren Text heißt es nämlich:
bewiesen ihnen die Innenpolitiker der Koalition das Gegenteil
Dazu beigetragen haben soll angeblich, dass jungen Deutsch-Türken (ich lehne diese Bezeichnung ab, verwende sie aber, um keine Missverständnisse zu erzeugen) die Integration derart erschwert wird, weil ihnen im Alter von 21 Jahren die unglaubliche Bürde auferlegt wird, sich zwischen der deutschen und der türkischen Staatsangehörigkeit zu entscheiden. Die Optionsregel war ein mühsamer errungener Kompromiss bei der Verabschiedung des neuen Zuwanderungsrechts im Jahr 1999. Und er nicht als Zugeständnis an Roland Koch oder die CDU zu verstehen, sondern als Großzügigkeit gegenüber Migranten: Wer hier geboren wird und aufwächst, wer hier zur Schule geht, um in Anschluss eine Ausbildung oder gar ein Studium zu absolvieren, dem sollte diese Entscheidung nicht allzu schwer fallen. Falls doch, so sollte sich die betreffende Person ernsthaft fragen, ob Deutschland trotz der sozialstaatlichen Annehmlichkeiten der richtige Ort für seine künftige Entwicklung ist.
Roland Koch, für die deutsche Linke der George W. Bush Hessens, wird im Lauf des Kommentars aber noch einmal erwähnt.
Wo waren Böhmer oder Kanzlerin Angela Merkel, als Hessens Ministerpräsident Roland Koch Anfang des Jahres pauschal von "zu vielen kriminellen jungen Ausländern" faselte?
Ja, wo waren sie als dieser unsägliche Spalter, Hetzer und Populist im Wahlkampf 2008 es gewagt hat - am "rechten Rand" fischend - die vom Wahlvolk nicht nur gefühlte, sondern durch Statistiken eindeutig belegte hohe Gewaltkriminalität unter Migranten "anzuprangern"?
Diesbezüglich sind Roland Koch und auch Angela Merkel tatsächlich zwei Vorwürfe zu machen.
1. Sie hätten klar herausstellen müssen, dass es nicht "die" Migranten sind, die eine im Vergleich zu "Nicht-Migranten" überproportional hohe Gewalttätigkeit aufweisen, es sich nicht etwa um Spanier, Schweizer oder Japaner handelt, sondern um (Deutsch-) Türken und (Deutsch-) Araber.
2. Die im Verlauf des Wahlkampfs gemachten Vorschläge und Beschlüsse der CDU sind leider tatsächlich mit dem Wahlkampf zu erklären und waren daher wirklich reiner Populismus. Die Landtagswahl ist seit gut 9 Monaten vorbei, an der Gewalt in deutschen Städten hat sich nichts verändert. Was ist aus den Vorschlägen der CDU geworden, die Höchststrafe im Jugendstrafrecht von 10 auf 15 Jahre anzuheben oder ab 18 Jahren grundsätzlich nur das Erwachsenenstrafrecht anzuwenden? Davon hat man nie mehr irgendetwas vernommen.
Ach ja, Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeine in Deutschland, der - warum auch immer - über beide Pässe verfügt, hat sich natürlich auch nochmal zu Wort gemeldet:
(Kolat) sagte am Donnerstag im ZDF-„Morgenmagazin“, lange Zeit habe der Irrglaube geherrscht, Integration würde automatisch vorangehen. Im Bildungssystem sei daher vieles versäumt worden. Als Folge könnten einige Kinder der dritten Einwanderergeneration schlechter Deutsch als die Generation vor ihnen.
Was die Deutsch- Kenntnisse betrifft, mag er nicht ganz Unrecht haben. Aber er schimpft, einmal mehr, auf die Falschen. Er selbst gibt ja zu, dass die zweite Generation, die ebenfalls schon hier zur Schule gegangen ist (sonst wäre sie nicht die zweite Generation) besser Deutsch kann als die dritte. Also kann das Bildungssystem ja gar nicht Schuld sein. Es ist vielmehr das Maß der Anstrengungen, mit der sich ein Schüler, der weder im Elternhaus, noch in der Mediennutzung mit der deutschen Sprache konfrontiert wird, in dieses Bildungssystem hineinbegibgt. Die Verbreitung des Internets, der verbesserte Empfang ausländischer TV- Sender, die Verfügbarkeit ausländischsprachiger Druckerzeugnisse und nicht zu letzt nicht-deutsche Hinweisschilder und Broschüren in deutschen Ämtern, auf Bahnhöfen und Flughäfen hat mit Sicherheit ebenfalls dazu beigetragen. Sicherlich muss gerade im letzteren Bereich auf mehr Härte gesetzt werden.
Fazit: Viel geredet, wenig gehandelt. Trotz 750 Mio. €, die der deutsche Staat jährlich u.a. für Sprachkurse ausgibt, hat sich nach zwei Jahren der Integrationsgipfel reichlich wenig getan. Die eine Seite stellt unablässig Forderungen, die andere verstrickt sich in Widersprüchen, Populismus und einer sehr, sehr großen Unsicherheit, ob und worin man wen überhaupt integrieren soll/darf.